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Erwartung, Ziele und Erfahrungen

Erwartung, Ziele und Erfahrungen2018-11-24T07:27:16+00:00

Erwartung, Ziele und Erfahrungen

Eine Pädagogik fürs Leben – was meint das aber?

Die Erwartungshaltungen an eine Schule haben immer eine ganz besondere Bedeutung und lassen sich oft schwer ausdrücken. Auf dieser Seite soll das Thema ganz konkret Platz finden.

Ein persönlicher Gastbeitrag von Gregor Härty, ehemaliger Schüler und jetzt selbst Vater an der Schule.
Es ist demnach kein offizielles Dokument der Schule.

Die Abschlüsse und deren Bedeutung
Das Ziel der Schule

Natürlich ist es ein großes Ziel, die Abschlüsse wie Abitur und Realschulabschluss zu ermöglichen. Braucht man sie doch in unserer Gesellschaft, um beispielsweise auf weiterführende Schulen oder Hochschulen zu gehen oder auch für diverse Ausbildungsmöglichkeiten.

Glücklicherweise haben sich in der heutigen Zeit die Möglichkeiten wesentlich erweitert, einen Abschluss auf unterschiedlichem Wege zu machen oder einen Abschluss auch nachzuholen. So bieten die heutigen Mittelschulen (früher als Hauptschulen bekannt) einen zum Realschulabschluss gleichberechtigten Abschluss, der Weg vom Realschulabschluss zum Abitur ist wesentlich erleichtert, Hochschulen finden individuelle Aufnahmeverfahren und vieles mehr.

Auch Arbeitgeber, also die Firmen, schauen immer weniger stark auf das Abschlusszeugnis. So werden die Bewerber zunehmend entweder in persönlichen Vorstellungsgesprächen ausgewählt oder in Aufnahmeverfahren eigenen Tests unterzogen. Das Zeugnis und die Noten spielen dann nur noch eine gewisse Rolle.

Diese Entwicklung ist grundsätzlich positiv zu sehen, so tritt die Bedeutung der Abschlüsse für das spätere Leben doch einen Schritt zurück. Mit einem Abschluss ist bei weitem nicht mehr die Entwicklung des Arbeitslebens vorgegeben. Im Gegenteil sogar. So gehen im Grunde heute alle vermeintlichen Experten davon aus, dass man sich im Leben ständig weiterbilden, mehrfach beruflich umorientieren muss. Was hat da der Abschluss noch für eine Bedeutung?
Für manch einen wirkt das wie ein Verlust von Sicherheit im Leben. Im Grunde ist das aber gerade die beste Entwicklung hin zu einem selbstbestimmten Leben des Einzelnen. „Ich selbst habe die Möglichkeit mich weiterzuentwickeln, andere Wege zu gehen, Abschlüsse nachzuholen, wenn ich es möchte.“

Das Ziel der Schule und auch der Erziehung der Eltern muss doch also darin liegen, auf das Leben vorzubereiten. Da ein Abschluss das perfekte Berufsleben nicht mehr garantiert, kann es nicht der Abschluss sein – der Abschluss ist nur ein Aspekt. Und genau hier sind wir bei der Rudolf Steiner Schule Coburg angekommen.

 

Was kann man von der Schule erwarten?

Wenn die Rudolf Steiner Schule Coburg von kindgemäßem Lernen spricht, die Persönlichkeitsentwicklung in den Vordergrund stellt und die individuellen Fähigkeiten des Schülers hervorheben möchte, so ist das genau der richtige Weg, erweckt aber auch ganz unterschiedliche Erwartungen. So zeigen diverse deutschlandweite Befragungen von Waldorfeltern, aber auch die persönlichen Kontakte hier an der Schule in Coburg, dass die Erwartungen an Waldorfschulen hoch sind. Ihre Schüler sollen zu besonders engagierten, verantwortungsbewussten und kreativen Menschen werden. So ist es an der Zeit dies konkret anzuschauen:

„Alleskönner“?
Liest man die Texte zur Waldorfpädagogik, zu den Besonderheiten der Schüler und zum Unterricht, so macht es fast den Eindruck, dass jeder Schüler alles können wird: tiefes physikalisches Verständnis, tolle literarische Ausdrucksweise, zeichnet kunstvolle Bilder, spricht 3 Sprachen, kann sich Möbel selbst bauen und die Kleidung schneidern, ist motorisch in jeder Form trainiert, …

Perfektion, Planbar?
Liest man die Texte zur Waldorfpädagogik, zu den Besonderheiten der Schüler und zum Unterricht, so macht es fast den Eindruck, als erwartet einen in der Schule ein perfekter, planbarer Weg. Eine ganz besondere Stärke der Waldorfschulen ist doch das ganze Konzept, dass so perfekt zusammenpasst und so tief in der Argumentation ist. Hiermit bilden die Waldorfschulen einen gesunden Gegenpol zu den oft sehr kurzfristigen und argumentativ flachen Ansätzen oder so manchem „Showunterricht“ mancher Schulen.

Diese Liste lässt sich lange erweitern: „Der Selbstständige, der immer weiß, was er will?“,  „Der Soziale, der alle versteht und immer vermittelt“, „Der Künstler – die die ganze Welt verschönert?“, „Der Umweltbewusste – alles für die Umwelt?“.

So ist es natürlich nicht.

Der „Alleskönner“ und Perfektion ist nicht zu erwarten – was aber dann?

Jeder Mensch und auch jeder heranwachsende Mensch wird als Individuum geboren, der seine persönliche Veranlagung mitbringt, in ein ganz besonderes soziales Umfeld geboren wird und heranwächst. Gleichzeitig hat jeder Mensch und jeder heranwachsende Mensch die Fähigkeit zur Weiterentwicklung und zum Lernen. So weiß heute die Gehirnforschung, dass das menschliche Gehirn ein Leben lang lernfähig ist. Jeder heranwachsende Mensch und hoffentlich auch noch jeder Mensch haben aber auch ein Bedürfnis sich zu entwickeln und zu lernen. Ein Kleinkind will lernen zu Laufen, zu Sprechen. Aber das ist wieder Theorie.

In Beispielen ist das sehr einleuchtend: nicht jeder kann Hochsprungweltmeister werden. Braucht man dafür doch ganz besondere körperliche Gegebenheiten, ein gewisses Talent, hohe Ausdauer im Training, man muss den Sinn darin sehen und noch vieles mehr. Genauso liegt es aber auch in der Natur der Sache, dass nicht jeder ein Instrument wie z.B. eine Geige perfekt lernen wird. Aber vielleicht ist es das Richtige, dass es jeder mal ernsthaft versucht hat. Vielleicht findet man ja selbst doch mit der Zeit einen Weg, dieses Instrument zu beherrschen. Vielleicht findet man Gefallen an der Musik. Ganz sicher ist es fürs Leben wichtig zu wissen, was es bedeutet, so ein Instrument zu spielen. Ganz sicher lernt man bei dem ernsthaften Versuch etwas fürs Leben – sehr viel sogar. Es lohnt sich also, es zu versuchen.

Mathematik spaltet die Schüler – jeder weiß es noch aus seiner Schulzeit. Dem einen Schüler scheint es zuzufliegen und die anderen Schüler tun sich wirklich schwer. Im Grunde gilt dies aber auch für den Deutschunterricht, für die Fremdsprachen, aber eben auch für Handwerken, Handarbeit, Musik Theater, Kunst, Sport und Eurythmie. Es ist menschlich und es ist auch normal, dass einem manche Fächer schwerfallen und andere nicht. Es ist auch menschlich, dass nicht jeder Schüler jedes Fach perfekt beherrscht. Das ist nichts Schlechtes, wie es heute im Allgemeinen empfunden wird.

Dennoch ist es wichtig, dass sich jeder Schüler mit den unterschiedlichen Fächern auseinandergesetzt hat. Jeder Schüler sollte zumindest ein gewisses Grundwissen und einen Einblick von den Eigenheiten des Faches erhalten – hier sind Wege zu finden, die alle Schüler ansprechen. Nur so kommt man zu einer Urteilsfähigkeit, zu einem übergreifenden Denken. Und nur so kann man die Leistungen der anderen Menschen anerkennen und würdigen. Das muss doch das Ziel der Schule sein.

Jeder Schüler muss die Möglichkeit haben, sich so tief mit einem Gebiet zu beschäftigen, dass man auch von sich heraus beurteilen kann, ob da nicht doch ein verborgenes Talent schlummert. Dazu muss man auch den ein oder anderen Schüler bewegen „dran zu bleiben“ und nicht vorschnell aufzugeben. Das muss doch das Ziel der Schule sein.

Genau hier liegt die Stärke der Waldorfschulen. So ist es grundsätzlich die Fächervielfalt, aber insbesondere auch deren Inhalt und die Vorgehensweise. Im Werkunterricht wird nicht einfach ein „Holzauto“ aus Einzelteilen lediglich montiert (und mal gesägt oder gebohrt), sondern es wird aus dem jeweiligen Werkstück mit Basistechniken etwas geschaffen. Im Gartenbau werden nicht nur ein paar Rüben und Gurken gepflanzt oder mal Äpfel gepresst. Im Gartenbau wird erlebt, was im Jahresverlauf alles notwendig ist. Im Physikunterricht werden die Gesetze zunächst nicht erklärt, sondern durch Beobachtung selbst erschlossen. Die Buchstaben werden in der 1.Klasse nicht als gegeben dargestellt, sondern über Bilder eingeführt. Den Fremdsprachen wird sich in den ersten Schuljahren rein spielerisch und über das Hören und Mitmachen genähert.

Der Blick auf das Miteinander – wichtiger denn je

Die Schulen laufen heute die Gefahr, den Blick der einzelnen Schüler und der Eltern sehr stark auf die Fähigkeiten der Schüler selbst und dessen Wissen zu lenken. Gleichermaßen stellt aber das Miteinander unsere globale Welt vor großen Aufgaben. Das ist z.B. das soziale Miteinander, wo doch jeder auf sein Individuum besteht. Es sind aber auch die Grenzen, die überwunden werden müssen: zwischen Religionen, Kulturen und sozialen Schichten.

Eine Schule muss sich unentwegt bemühen, jeden Schüler anzunehmen wie er ist, den Blick der Schüler auf das Schöne, im Großen wie im Kleinen, zu lenken, immer und immer wieder einen guten sozialen Umgang miteinander zu pflegen, das Gemeinsame in den Unterschieden zu sehen, das Bereichernde in der Vielfalt und das Menschliche im Trennenden zu entdecken, das voneinander Lernen fördern.

Für diesen Bereich bleibt in vielen Schulen wenig Zeit oder auch keine Möglichkeit mehr in dem durchgetakteten Unterricht. Die Rudolf Steiner Schule Coburg hat mit dem Gesamtschulkonzept und dem Modell der Klassenlehrer und später der Klassenbetreuer genau diesen Aspekt tief in der Pädagogik verwurzelt. Das muss auch das Ziel einer Schule sein.

Wenn ich dann noch das Kind zuhause mindestens genauso behandle, wie ich es von der Schule erwarte, dann kann ich voller Zuversicht in die Zukunft blicken und darauf vertrauen, dass meine Kinder ihren Weg gehen werden.

Erfahrungen – ehemalige Schüler

Eine deutschlandweite Studie über ehemalige Waldorfschüler hat gezeigt, dass Waldorfschüler mit Blick auf die Lebensziele wesentlich stärker „Eigenverantwortlich leben“ und das „Leben genießen“ anstreben. Eine spannende Kombination oder?

Dieses Bild sehe ich im Beobachten der mir bekannten Ehemaligen der Rudolf Steiner Schule Coburg durchaus bestätigt. Die vielen individuellen Wege zeigen, dass immer Wege gesucht werden, die zu einem passen – wo es sich stimmig anfühlt. Da man dies, trotz Praktika und Informationen, im Vorfeld nicht immer bewerten kann, gibt es den ein oder anderen, der durchaus mehrere Stationen der Suche nach der stimmigen Aufgabe durchlaufen muss. Genau darin erkennt man die Eigenverantwortung: Nicht in einer Situation verweilen, nur weil man einen vermeintlich sicheren Job hat oder aus Bequemlichkeit heraus. Nicht in einer Situation verweilen und dafür Dinge tun, die man nicht mit sich vereinbaren kann. Andere haben gleich nach der Schule ihren „stimmigen“ Platz gefunden – das ist natürlich der schönste Fall.

Aus diesem Bild heraus, finde ich die Kombination aus „Eigenverantwortlich leben“ und das „Leben genießen“ eine tolle Kombination – nicht nur zum Wohle des Einzelnen, sondern für uns alle. Solche Menschen braucht unsere Gesellschaft.

Immer wieder, auch in meiner Klasse damals, gab und gibt es direkt nach der Schulzeit vereinzelte Stimmen, die sagen: „Hätte die Schule mehr Druck gemacht und mich frühzeitig ‚gezwungen‘ mehr zu tun, dann hätte ich jetzt bessere Noten oder einen anderen Abschluss“. Durch viel Druck und prüfungsorientierter Vorbereitung verliert man aber unweigerlich die „Eigenverantwortung“. Einige Jahre nach dem Abschluss zeigt sich mir, dass gerade diese Schüler ihren Weg gegangen sind und anteilig aufbauende Schulen besucht haben. Manch einen rüttelt gerade dieser Moment auf.

Gregor Härty

Ergänzend

Die beschriebenen Grundgedanken werden von immer mehr wissenschaftlichen Bereichen gestützt. Zu nennen ist hier besonders die Gehirnforschung, die seit Jahren u.a. mit Prof. Dr. Gerald Hüther sehr stark darauf aufmerksam macht:

Sobald Menschen anfangen, einander als Subjekte zu begegnen, einander also einzuladen, zu ermutigen und zu inspirieren, ist die Entfaltung der in ihnen angelegten Potentiale unvermeidbar. (man beachte das unvermeidbar!)

All das geht aber nicht, wenn eine Person von anderen zum Objekt von deren Erwartungen, Absichten, Bewertungen, Belehrungen, Maßnahmen oder gar Anordnungen gemacht wird. Und genau das passiert zwangsläufig in einer Gesellschaft, in der jeder versucht, sich auf Kosten anderer Bedeutung, Einfluss, Macht und Reichtum zu verschaffen.

(Quelle: https://www.gerald-huether.de/)

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Abschlüsse und Jahresarbeiten